Die Welt ist im Wandel: Strukturen und Prozesse, die sich über Jahrzehnte aufgebaut haben, brechen auseinander und neue gesellschaftliche und technologische Trends prägen den Alltag. Diese Veränderungen gehen auch an Unternehmen nicht spurlos vorbei. Immer wieder werden sie mit neuen Erwartungen, Anforderungen und Herausforderungen konfrontiert – sei es von Seiten der Kunden, Mitarbeiter, Umwelt oder Konkurrenten. Um am Markt bestehen zu können, ist es deshalb wichtig, sich ständig weiterzuentwickeln.

Diese Erkenntnis ist an sich nichts Neues: Wandel war schließlich schon immer Teil der Unternehmenswelt. Allerdings hat er in den letzten Jahren deutlich an Geschwindigkeit und Komplexität zugenommen. Aus diesem Grund wird professionellen Veränderungsprojekten zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Change-Management ist zum Schlagwort der Stunde geworden. Trotzdem scheitern im Alltag noch rund 70% aller Veränderungsprojekte.

Eine Ursache hierfür könnte in den Eigenheiten des klassischen Change-Managements liegen: Verbreitete Ansätze bestehen oft aus starren Strukturen, wochen- oder monatelanger Planung und einer entsprechend umfangreichen Dokumentation. Die Konzentration des Managements liegt auf Prozessen und Strukturen statt Mitarbeitern. Wenn das Veränderungsprojekt formal umgesetzt wurde, gilt es als abgeschlossen – ohne Berücksichtigung der Resonanz. Diese Ansätze tragen in unserer schnelllebigen, komplexen Welt nicht mehr. Eine mögliche Lösung für diese Herausforderung: Agiles Change-Management.

Das Duale Betriebssystem nach John P. Kotter

Change-Guru John P. Kotter hat die Vorteile agiler Methoden mit den Ansätzen klassischer Change Modelle vereint. Er spricht hier von einem dualen Betriebssystem. Neben der klassischen, hierarchischen Unternehmensstruktur, die Sicherheit, Stabilität und Effizienz verspricht, sollen Unternehmen parallel eine flache, agile Netzwerkorganisation aufbauen, um Kreativität, Eigeninitiative und Dynamik zu fördern. Auf diese Weise können hierarchieübergreifende Teams gemeinsam an Lösungen arbeiten und flexibel auf Veränderungen reagieren. In seiner Ausführung fehlt jedoch eine detaillierte Betrachtung des eigentlichen Veränderungsprozesses und wie sich hier Agilität wiederspiegelt.

Lean Change-Management nach Jason Little

Jason Little konzentriert sich auf genau diese agilen Veränderungsprozesse. Er startete als Software-Entwickler und sammelte anschließend Erfahrungen in den Bereichen Management, Agile Coaching und Consulting. Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, dass er Elemente der agilen Produktentwicklung in seinen Ansatz einbringt. Der Lean Change Cycle zeichnet sich durch iteratives und inkrementelles Vorgehen aus. Das schafft für Veränderungsprojekte die notwendige Dynamik und Flexibilität. Statt einer umfassenden Vorabplanung gibt es verschiedene Zyklen, die auf dem Prinzip Build, Measure and Learn (Bauen, Messen und Lernen) beruhen. Schnelle Feedbackschleifen ermöglichen es dabei, bereits vor und während der Durchführung von Veränderungsprojekten Reaktionen der Beteiligten zu berücksichtigen und zu integrieren. Betroffene werden hierdurch zu Beteiligten. Er selbst bezeichnet die Veränderungen als Experimente, die in der Praxis getestet und anschließend in einer Retrospektive überprüft werden. Dieses Vorgehen stellt jedoch besonders für hierarchisch organisierte Unternehmen eine große Herausforderung dar.

Die Lösung: Ein erweitertes Modell für agiles Change-Management

Betrachtet man Change Projekte nun in der Praxis, so wird deutlich, dass die Wahrheit – wie so oft – dazwischenliegt. Eine Kombination beider Modelle scheint eine vielversprechende Lösung zu sein, da sich so die jeweiligen Schwächen der Modelle gegenseitig aufheben. Die folgende Darstellung zeigt, wie die Zusammenführung des dualen Betriebssystems und Lean Change Cycle aussehen könnte:

 

 

Der Wandel ist und bleibt für Unternehmen eine große Herausforderung. Auch durch agiles Change-Management wird die Komplexität nicht verringert; es hilft jedoch, diese zu kontrollieren. Das in der Abbildung dargestellte Modell bildet eine Grundlage, die durch verschiedene agile Methoden oder Werkzeuge erweitert werden muss, wie zum Beispiel Meddlers, Improvement oder Change Canvas.

Fazit: Agilität bietet genau das, was dem Change-Management fehlt: Flexibilität, Dynamik, schnelle Ergebnisse, ständige Optimierung und eine offene Unternehmenskultur. Wenn Change-Management nicht nur Aufgabe des oberen Managements ist, sondern von vielen Teams getragen wird, besteht eine echte Chance, einen erfolgreichen, ganzheitlichen und nachhaltigen Wandel einzuleiten.

Johanna Daut

Johanna hat ihre Masterarbeit bei diva-e über agiles Change-Management geschrieben und ist nun als Consultant die Schnittstelle zwischen Kunden und Projektteams. Durch ihre lockere und positive Art versucht sie immer eine gute Projektatmosphäre zu schaffen.

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