Der 23. Juni 2016 stellt einen Einschnitt in der Geschichte Europas dar: In einem Referendum entscheiden sich 52 Prozent der Briten gegen einen Verbleib in der Europäischen Union. Der von vielen befürchtete Brexit wird damit Realität. Europa und weite Teile der britischen Bevölkerung reagieren geschockt. Forderungen nach einem zweiten Referendum werden laut, und in Schottland und Nordirland erheben sich Stimmen, die erneut die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich fordern. Die britische Regierung reagiert darauf jedoch mit stoischer Gelassenheit und betont, dass man die Entscheidung der Bürger respektieren müsse und die notwendigen Schritte einleiten werde, um aus der EU auszutreten. Fast drei Monate sind seitdem vergangen. Doch was hat sich verändert?

Brexit: Segen oder Fluch?
Vor dem Referendum warben Befürworter damit, dass ein Brexit alles zum Guten verändern würde: Großbritannien würde an vergangene Traditionen anknüpfen, zu alter Größe zurückfinden und frei von Brüsseler Ketten aufblühen. Gegner des EU-Austritts verwiesen hingegen auf wirtschaftliche Analysen und ökonomische Grundgesetze und warnten vor horrenden Gefahren für die einheimische Wirtschaft. Elf Wochen später scheint keines der beiden Lager recht zu behalten: Zwar verzögern manche Unternehmen Neueinstellungen und die Bank of England senkte aus Furcht vor Konjunktureinbrüchen den Leitzins ab, was zu einer Verstärkung der Inflation geführt hat; allerdings ist es auch zu einem Aufschwung in der Tourismus-Branche gekommen, die Arbeitslosenquote ist weiter gesunken, die Exporte durch das geschwächte Pfund gestiegen und die Aktienkurse stabil. Die befürchtete Apokalypse ist also ebenso ausgeblieben wie das erhoffte Paradies. Zum eigentlichen Brexit ist es jedoch noch gar nicht gekommen: Das Referendum hat nur festgelegt, dass Großbritannien aus der EU austreten soll – konkrete Pläne, wie dies umgesetzt werden soll, gibt es bis heute nicht und auch der offizielle Austrittsantrag wurde noch nicht gestellt. Die wahren Folgen der Entscheidung werden also erst in einigen Jahren sichtbar werden. Trotzdem sind schon jetzt einige Konsequenzen für den E-Commerce absehbar.

Folgen für den E-Commerce
Großbritannien nimmt seit jeher eine Vorreiterrolle in Sachen Online-Handel ein: Laut der E-Commerce Foundation gaben die Briten mit 175 Milliarden Euro im letzten Jahr mehr für Online-Einkäufe aus als Frankreich (64,9 Milliarden), Deutschland (59,7 Milliarden) und Russland (20,5 Milliarden) zusammen. 48 Prozent der Käufer nutzen dabei auch internationale Webshops – vor allem bei Produkten, die in ihrer Heimat nicht verfügbar oder teurer waren. Bleibt das Pfund jedoch schwächer als der Euro, kommt es zu einer Verteuerung für britische Konsumenten und der Preisvorteil als Kaufanreiz fällt weg. Unsicherheiten über mögliche Brexit-Folgen könnten zusätzlich dazu führen, dass Einkäufe in europäischen Shops ganz vermieden werden. Ein wichtiger Absatzmarkt für europäische Online-Shops würde damit deutlich eingeschränkt. Darüber hinaus könnten Zölle und Einfuhrumsatzsteuern wieder eingeführt werden, die nicht nur zu teureren und damit unattraktiveren Angeboten, sondern auch zu längeren Lieferzeiten und mehr Bürokratie führen würden. Doch auch auf Gesetzesseite könnte es zu Schwierigkeiten kommen: Die für den E-Commerce wichtigen Rechtsgebiete wie Wettbewerbsrecht oder Verbraucherrechte wurden in den letzten Jahre innerhalb der EU weitestgehend harmonisiert. Nach dem Brexit wären diese Angaben für britische Unternehmen jedoch nicht mehr bindend und die Gerichte müssten sich nicht mehr an den EuGH-Urteilen orientieren. Auf diese Weise könnten sich die Richtlinien zum Beispiel beim Widerrufsrecht wieder auseinanderentwickeln, was zu Irritationen auf Seiten der Kunden und damit zu niedrigeren Umsätzen führen könnte. Bis alle Details zum EU-Ausstieg endgültig geklärt sind, stellt der Brexit deshalb eine klare Belastungsprobe für den Cross-Border E-Commerce dar.

Bild: Olga Zelenkova/Shutterstock.com

Christina Klein

Christina arbeitet als Werkstudentin im Bereich Marketing und Social Media. Sie studiert den Master Interkulturelle Personalentwicklung und Kommunikationsmanagement, reist gerne und interessiert sich für alles Internationale. Alle Autoren anzeigen

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